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Eine besondere Urlaubsfahrt

Daniela Irle

2. Juli 2024

Wer mit kleinen Kindern reist, lernt anderes zu packen und anders zu stoppen.
Wer es gewohnt war, ununterbrochen viele Stunden am Stück zu reisen, wird schnell eines Besseren belehrt.

Obstteller

Eine besondere Urlaubsfahrt

Meine großen Kinder können den Text der Gruppe „Deine Freunde“ auswendig.
Man könnte auch meinen, sie hätten ihnen beim Songwriting souffliert, hatten wir diese Sätze doch schon zuvor Hunderte Male von ihnen selbst gehört:
„Ich muss mal!“, „Wann sind wir da?“, „Die andern ärgern“.  
Einen essentiell wichtigen Satz vermisse ich allerdings bei den Lyrics:
„Hör auf!“ „Hör einfach auf!“
Mit Vehemenz, Druck und steigender Lautstärke rausgestoßen, weil der Bruder oder die Schwester einfach nicht aufhören will zu nerven.

Auf der Fahrt vor inzwischen tatsächlich 10 Jahren, ging es noch etwas entspannter zu, was die Streitgefechte anging. Dafür waren andere Bedürfnisse wichtiger.
Zum Beispiel die unseres Mädchens im Krabbelalter.

„Auf keinen Fall stoppen wir am Autohof!“, stellte ich schon mindestens einen Tag vor Abfahrt klar. „Die Kleine muss krabbeln können ohne Ekelfaktor.“

Wir wohnten noch nicht lange in unserem Haus und wollten erstmals eine Reise an die Nordsee antreten. Büsum hatten wir uns rausgesucht. Noch nie zuvor waren wir dort gewesen. Und noch nie waren wir exakt diese Strecke von unserem neuen Zuhause aus losgefahren.

Als wir ziemlich exakt zwei Stunden unterwegs waren, wurde es Zeit für die eingepackte Pizza und eine Krabbelzeit für die Jüngste.
Wir passierten das große Schild an der A 7 „Ich halte dich. Gott.“ und fuhren kurze Zeit später an einem Ort, sehr nahe an der Autobahn gelegen, ab. Ein Spielplatz sollte doch zu finden sein.

Wir landeten jedoch versehentlich in einer Sackgasse und mir dämmerte, dass wir ohne einheimische Führung wohl nicht fündig werden würden.

Zu unserem Glück kniete neben unserem haltenden Auto eine ältere Dame am Bürgersteig, um diesen von Unkraut zu befreien.

„Entschuldigung, wir sind auf dem Weg in den Urlaub und suchen einen Spielplatz, auf dem unsere Kinder sich in der Pause bewegen können. Haben Sie da einen Tipp für uns?“, so in etwa sprach ich die Dame an.

Von unten langsam hochkommend sah mich die Dame lächelnd an. „Einen Spielplatz suchen Sie? Das ist viel zu kompliziert zu erklären“, meinte sie mit sympathischem kroatischem Akzent.

„Kommt doch hier in meinen großen Garten – da ist Platz genug!“, zeigte sie einladend auf das weitläufige Gelände hinter ihr.

Wir zögerten einen Moment, diskutierten im Auto und beschlossen dann das unerwartete Angebot anzunehmen.

Kaum hatten wir uns alle aus dem Fahrzeug geschält, uns mit Pizza und Trinkflaschen bewaffnet, folgten wir einer Karawane gleich der Dame hinter das Haus.
Ehe wir noch um die Hecke, die die Sicht zur Terrasse verbarg, gebogen waren, rief sie schon laut:

„Reinhard, ich bringe dir drei Enkelkinder!“

Noch heute pruste ich los bei dieser Erinnerung.
Da saß er, der Ehemann, nichtsahnend gemütlich auf dem Stuhl draußen, bevor sein Garten, sein Teich und sein Rasen von bewegungsfreudigen kleinen Kindern gestürmt wurden.

Wir futterten unsere Pizza und durften erzählen, woher wir kamen und woher wir zu fahren gedachten.

„Nach Büsum!“, riefen sie beide begeistert aus. „Das ist ja fast unsere zweite Heimat!“ „Kennt ihr den langen Eugen, ein großes hohes Hochhaus?“

Es dauerte nicht lange und wir fühlten uns nicht mehr wie Eindringlinge, sondern wie lang vermisste Gäste.

Als wir uns nach deutlich längerer Pause als ursprünglich geplant wieder in unser Auto begaben, waren eine Aale-Worscht* und anderes mit in unserem Gepäck an die Nordsee.

Nummern waren ausgetauscht worden und bis heute ist der unsrige unter „die Büsumer“ abgespeichert, obwohl wir seitdem nie wieder genau dort an der See gewesen sind.

In den letzten 10 Jahren haben wir auf nahezu jeder Fahrt in den Norden in der kleinen Straße an der Fulda Halt gemacht. Jedes Mal sind wir mit Süßigkeiten, Marmelade und anderem weitergezogen.

Wir sind in den Genuss von Alicas Pizza gekommen, ein anderes Mal in den von Cevapcici. Und eigentlich immer im Programm für die Kinder waren Würstchen, Aale Worscht, Brot und Fruchtzwerge (Das Markenzeichen der Kinder für unsere Gastgeber).
Einmal war ich nur mit meinem Ältesten unterwegs. Mein Vater war sehr krank geworden und eilig waren wir am Abend losgefahren. Müde und erschöpft saßen wir am Tisch, Migräne zog in meinen Kopf. „Du kannst hier mit dem Jungen übernachten, komm leg dich mal hin!“, Alica kochte mir Espresso und legte mir fürsorglich eine Decke über die Beine, als ich mich tatsächlich für ein paar Minuten auf die Coach begab.

In einem Sommer war Alica nicht zu Hause. Wir besuchten sie stattdessen im Krankenhaus. Im Laufe der Jahre erfuhren wir mehr von ihrer Geschichte und wunderten uns immer wieder, was ein Mensch aushalten und überleben kann.

Letztes Jahr im Februar wollte ich sie nach zwei Wochen endlich zurückrufen. Schickte vorsichtshalber die Nachricht mit einem Gruß an sie und an ihren Mann. Denn nun war er derjenige gewesen, um den alle im Krankenhaus bei seiner Herzoperation gebangt hatten.

Doch Alica antwortete nicht.
Sie war sehr unverhofft von ihren Leiden erlöst worden.
Ich telefonierte lange mit ihrem erschütterten Ehemann und konnte es nicht fassen.

Als ich zur Beerdigung eintraf, war die riesige Kirche mehr als nur gut gefüllt. Und ich spürte, dass Alica nicht nur mit uns ihr Haus und Herz geteilt hatte.

Und immer, wenn mich jemand fragte, wie ich denn zu ihr stehe, ob ich eine Cousine ihres einzigen Sohnes sei, da erzählte ich die Geschichte von der Autofahrt und der Frau am Bürgersteig, die uns in ihren Garten einlud.

Wir stoppen noch immer dort. Auch die Fruchtzwerge und anderes werden noch dort gegessen. Und ab und zu reicht die Zeit, um Alica ein paar Meter weiter einen Gedenkbesuch abzustatten.

(*harte, köstliche Salami aus dem Raum Kassel)

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