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Hin und weg – Ein Familiendrama

Daniela Irle

26. April 2025

Der Jüngere:
Vielleicht war es vor allem mein älterer Bruder, der mich so nervte. Er, dem zwei Drittel des Erbes zustanden – mir nur ein Drittel. Seine ständige Kontrolle, ob ich alles richtig machte. Seine Besserwisserei und Überheblichkeit.
Vielleicht kitzelte mich auch der Reiz des Neuen, des Fremden und auch des Verbotenen.
Im Nachhinein weiß ich wirklich nicht mehr, was mich dazu gebracht hatte, die Heimat zu verlassen.
Doch ich tat es.

Hin und weg - ein Familiendrama

Ich nahm alles Geld und was mir sonst noch lieb und teuer war. Nie hätte ich gedacht, dass mir, als dem Jüngeren, mein Vater das ganze mir zustehende Erbe tatsächlich auszahlen würde. Doch er tat es.
Ich sah, dass er traurig war. Ich sah, dass er sich verraten fühlte. Schließlich hatte ich ihn damit so gut wie für tot erklärt und ihn seiner Altersvorsorge beraubt. Doch ich ging.
Meine Füße trugen mich weit weg. Ich sah viel. Ich erlebte viel. Dachte, ich hätte Freunde, hatte viele Frauen. Ich probierte alles aus. Dachte – so schmeckt Glück.
Endlich fühlte ich mich reich. Ich allein konnte entscheiden, wohin mein Geld wanderte. Es saß mir locker in der Tasche. Ich fühlte mich gut als der Großzügige, der allen ständig einen ausgab. Es fiel mir nicht auf, dass ich ausgenutzt wurde.
Es fiel mir auch nicht auf, dass es ihnen nur um meine Kohle ging. Ich sah gut aus, war herausragend gekleidet – schlicht, ich machte eine gute Figur.
Bis das Geld ausging. Plötzlich alles weg. Weiß auch nicht mehr, wie das geschehen konnte.
Da stand ich mit einem Mal blöd da.
Als ob das nicht genug war, kam das nächste. Die komplette Ernte war zerstört worden. Nirgends war etwas Essbares zu finden. Trockenheit.
Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich den Hunger. Leere in Bauch und Kopf. Trügerische Essensphantasien von lange nicht mehr gesehenen Festtafeln.
Meine guten Kleider hatte ich schon längst eingetauscht.
Armselig, schmutzig – ja widerwärtig sah ich aus.
Es dauerte eine Weile bis ich den Bauern überredet hatte. Aber schließlich bekam ich den Job.
Wer hätte das für möglich gehalten?!
Ich, der einflussreiche Nachkömmling aus gutem Hause mit beeindruckenden Zukunftschancen landete in der Gosse bei den Schweinen. In diesem Land gab es keine Versicherung, keine Rücklagen und kein Erbarmen für ausländische, gescheiterte Existenzen.
Konnte man noch tiefer sinken?
Ich war so hungrig – ich hätte das Schweinefutter in mich hineinstopfen können – doch niemand gewährte es mir.

Hin und weg - Ein Familiendrama

Der Ältere:
War ja klar, dass da mal was kommen würde. Es hatte sich immer wieder angedeutet. Gemecker hier, Gemecker dort. Er, der Jüngere, der nur allzu gern einfach tat, was er wollte.
Es würde ihm Recht geschehen, wenn er einsam ohne Familie in der Fremde landete. Sollte er doch. Eine Riesenfrechheit, die er sich da rausgenommen hatte. Anmaßend.
Er trat unseren Vater mit Füßen.
Nun musste ich noch mehr arbeiten. Einer musste ja dafür sorgen, dass das Land, das uns geblieben war, weiter gut bewirtschaftet wurde. Wenn alle nur fröhlich in den Tag lebten und auf ihr Vergnügen achteten – wir sollte das weitergehen?!
Es geht schon darum, das Richtige zu tun. So sagt es ja auch das Gebot „Ehre Vater und Mutter, auf das es dir gut geht und du lange lebest.“
Er wird schon sehen, was er davon hat. Vermutlich stirbt er früh.
Wer seinen Eltern so etwas antut, der hat nichts Besseres verdient.
Der Vater:
Ich vermisste ihn.
Worte können nicht beschreiben, wie sehr er mir fehlte. Sein Lachen am Tisch, seine verrückten Ideen, wie man etwas anders machen konnte.
Er fehlte mir, wenn ich raus aufs Feld ging, er fehlte mir, wenn ich zurückkam und er fehlte mir, wenn sein Platz am Tisch weiter leer blieb.
Niemand und nichts konnte seinen Platz einnehmen.
Ich hatte ihm die Freiheit ermöglicht, nach der er sich so gesehnt hatte. Er sollte nicht gezwungenermaßen an unser Land und uns gebunden sein. Er sollte wissen, dass er selbst entscheiden kann.
Es schmerzte mich nicht, für ihn Land zu verkaufen und ihm alles zu geben, was ihm nach meinem Tod zugestanden hätte.
Doch es schmerzte mich zutiefst, dass er sich von mir abwandte und das Weite suchte.
Wusste er nicht, wie viel er mir bedeutete?

Der Ältere:
Der Vater nervte mich. Ich spürte, dass er den Kleinen vermisste. War ich ihm nicht genug? Na klar, ich war nicht gut genug. Ich hatte es schon immer gespürt.
Ich arbeitete noch härter. Versuchte ihm alles recht zu machen. Übernahm seine Aufgaben, nur damit ich zeigen konnte, was in mir für Kraft steckte. Arbeiten. Ich war der beste Arbeiter weit und breit. Am Tisch hielt es mich nicht lange. Der freigehaltene aber immer leere Platz erinnerte mich an den Kleinen. Ich wollte ihn eigentlich nur vergessen. Was er getan hatte, war unverzeihlich. Ich verstand nicht, warum der Alte immer noch hoffte. Immer wieder hielt er Ausschau nach ihm.
Ich verachtete ihn dafür.

Der Jüngere:
Ich sah keinen Ausweg mehr.
Selbst den Dienern meines Vaters ging es bedeutend besser als mir. Sie waren zwar an ihn gebunden, wurden aber mit allem versorgt, was sie brauchten.
Es war mir schon klar, dass ich meine Rechte als Sohn selbst verspielt hatte. Ich war schuld an meiner Misere. Ich allein hatte mich in diese demütigende Rolle hineinmanövriert.
Nun war ich alles, was ich nie sein wollte: Erbärmlich.
Abhängig vom Wohlwollen und der Gunst anderer.
Ich tat das Einzige, was mir übrigblieb, wollte ich nicht einsam bei den Schweinen verhungern.
Ich stand auf und kehrte um.
Barfuß, schmutzig, unrasiert.
Der Weg nach Hause war nicht leicht.
Würde er mich als Diener akzeptieren?

Hin und weg - Ein Familiendrama

Der Vater:
Ich wartete. Tag für Tag.
Nie gab ich die Hoffnung auf. Er würde sich an mich erinnern. Er könnte den Weg nach Hause finden. Hier war doch sein Platz. Hier war doch der Ort, an dem er alles hatte, was er brauchte.
Wann bloß würde er zurückkehren?
Er fehlte mir so sehr.

Der Jüngere:
Ich war so ausgehungert, dass es an ein Wunder grenzte, dass ich überhaupt die Füße voreinander setzen konnte. Und obwohl ich mich zutiefst schämte und mich vor der Begegnung mit dem Vater fürchtete, so wurden meine Schritte doch fester und zuversichtlicher. Mein Vater war immer zu allen freundlich gewesen. Zu jeder Zeit hatte er ein gutes Wort für jeden Diener gehabt. Und wenn ich mich zurückerinnere… Selbst mich hat er nicht beschimpft, als ich einfach gegangen war. Er hat es schweigend ertragen.
Und außerdem… ich wäre ja auch schon zufrieden mit dem letztbesten Job. Alles wäre besser, als weiter im Dreck zu verhungern.
Ich hoffte, mich heimlich an den Brunnen schleichen zu können, um mich etwas frisch zu machen, bevor ich entdeckt wurde. Niemand sollte sehen, was aus mir geworden war. Zu groß wäre die Schmach.
Wie der Große wohl reagieren würde? Er würde erst recht auf mich herabsehen, mich zutiefst verachten. Sagen: „Geschieht dir recht“. Und damit hatte er noch nicht einmal Unrecht.
Aber selbst das… Hauptsache endlich wieder essen. Und ein Bad…
Allmählich wurde die Gegend wieder vertrauter. Es roch nach Zuhause.
Ich beschleunigte meine Schritte. Ich wollte es endlich hinter mich bringen. Schlimmer konnte es schließlich kaum noch werden.

Da, in weiter Ferne konnte ich das Anwesen ausmachen.
Mein Herz schlug mir bis zum Halse.
Der Ort, der einmal mein Zuhause gewesen war…
Das Grün der Bäume gab mir Hoffnung. Wasser. Ich war so durstig.
Schließlich war ich so nah, dass ich Bewegungen wahrnehmen konnte. Draußen auf dem Feld, aber auch auf dem Weg zum Gehöft.
Hatte der Vater Wachen aufgestellt?
Ich konnte keinen der Diener erkennen.
Aber etwas näherte sich mir. Es wurde schneller und schneller.
Mein Mut sank. Fast blieb ich stehen.
Dann erkannte ich ihn. Ich traute meinen Augen kaum.

Er rannte, wie ich ihn noch nie zuvor hatte rennen sehen. Sein Gewand zeigte seine Beine, die man höchstens im Kampf sehen durfte. Staubwolken bildeten sich hinter ihm.
Es war der Vater in Person.
Ich wusste nicht, wie mir geschah. Er küsste und umarmte mich.
Er lachte und weinte gleichzeitig. Drückte mich wieder und wieder an mich.
Er musste doch den Schweinegeruch wahrgenommen haben…
So lange hatte mich keiner mehr liebevoll berührt. Es tat so gut. Ich traute mich zu sprechen: „Es tut mir leid, Vater. Ich bin von dir weggelaufen und habe dich und den Himmel mit Füßen getreten. Ich weiß, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“
Statt mir Vorhaltungen zu machen oder mich zu ermahnen, handelte mein Vater einfach. Er rief nach der besten Kleidung für mich, veranlasste den Siegelring zu holen und ließ mir Schuhe für meine geschundenen Füße bringen.
Und nicht nur das.
Während ich mir aller Dreck abgewaschen wurde und ich mein Haar schneiden konnte, hörte ich, wie das gemästete Kalb geschlachtet werden sollte.
War das möglich?

Hin und weg - Ein Familiendrama

Der Vater:
Es konnte gar nicht schnell genug gehen. So lange hatte ich auf ihn gewartet. Mein Herz jubelte und triumphierte. Er hatte es geschafft heimzukehren.
„Mein Sohn, mein Sohn ist zurück zu Hause!! Er war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren, doch jetzt ist er wiedergefunden.“
„Holt die Musikanten, spielt auf! Wir wollen fröhlich feiern und tanzen“ Kommt alle her!“

Der Ältere:
Ich war verstört. Was hatte die Musik zu bedeuten? Es roch nach Braten – es war doch Montag? Was hatte das zu bedeuten? Alle wirkten ausgelassen.
Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich kam doch wie immer von der Arbeit. Ein Fest?
Ich rief einen der Diener zu mir und wollte wissen, was denn in aller Welt los ist.
Dann kam der Schock.
Der Kleine, der rücksichtslose Ausreißer war zurück. „Dein Bruder ist heile zurückgekehrt und deswegen wird gefeiert“, so hieß es. Sogar das beste Kalb musste für ihn dran glauben.
In mir schwoll die Wut. „Dieser hinterlistige, unverschämte, rücksichtslose Mistkerl!!!!“
Wie konnten alle seine Rückkehr feiern? Keinen Fuß würde ich dorthinein setzen. Freude war jawohl das Letzte, was jetzt angemessen war. Auspeitschen sollte man ihn.
Ich sah wie der Alte rauskam. Dem würde ich meine Meinung sagen. Ich platzte fast vor Wut. So eine Ungerechtigkeit!

Der Vater:
„Komm zu uns rein! Du gehörst hier zu uns, lass uns feiern! Stell dir vor, dein Bruder ist wieder da! Mein Sohn ist wieder zu Hause! Ich bin so glücklich – komm teile meine Freude!“

Der Ältere:
„Was fällt dir ein? So viele Jahre habe ich fleißig für dich gearbeitet, habe mich an jede Vorgabe gehalten und nie, wirklich nie hast du mir auch nur ein Ziegenböckchen gegeben, um damit mit meinen Freunden zu feiern. Jetzt schlachtest du für diesen deinen Sohn, der dein Vermögen mit den Huren durchgebracht hat, das gemästete Kalb!“

Der Vater:
Du bist mein Kind. Alles, was ich besitze, gehört auch dir.

Es ist Zeit zu feiern und sich zu freuen. Denn dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren – nun ist er wiedergefunden.“
Kommst du? Ich warte auf dich.

Nachzulesen in Lukas 15

Mehr Glauben leben?

Wüstenzeiten

Wüstenzeiten

Der November ist da und meist genauso trüb wie die Jahre zuvor. Nur noch wenige Blätter leuchten gelb und die Seele sehnt sich nach Farben und Licht. Die Weihnachtszeit mit ihren Lichtern ist noch nicht angebrochen und es fühlt sich nach Zwischenzeit an.
Für viele Menschen ist es jedoch nicht nur Zwischenzeit, sondern auch Wüstenzeit.
In Deutschland ist es die kalte Jahreszeit – auch in der Wüste kann es eisig werden.

Adventsstudie – ein Interview mit Anne Gevert

Adventsstudie – ein Interview mit Anne Gevert

Jedes Jahr aufs Neue bin ich überrascht und verwundert, wenn ich im September Nikoläuse und andere Weihnachtsartikel in den Läden erblicke. Als könnte es Ende November/ Anfang Dezember nichts dergleichen mehr geben und als müsse man sich rechtzeitig wappnen, um ja ein paar Wochen später nicht zu kurz zu kommen.
Als mir die Tage unerwartet ein Adventsartikel von einer Freundin empfohlen wurde, war ich dagegen sofort motiviert, auch andere darauf aufmerksam zu machen.
Worum es geht, erfährst du im folgenden Interview mit Anne Gevert und … es gibt nach langer Zeit auch mal wieder etwas zu gewinnen.

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