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Von Veränderungen und Abschied nehmen

Daniela Irle

26. Juli 2023

Im Wohnzimmer steht ein neuer Couchtisch. Ich muss mich noch an ihn gewöhnen.
Heute Morgen habe ich eine Kristallvase mit Blumen darauf platziert. Nachdenklich stellte ich fest, dass nun die Zeit endgültig vorbei ist, wo Vasen ständig hochgestellt werden. Zumindest von mir.
Die Kinder haben sie schon länger weggestellt. Immer wenn der alte Couchtisch für irgendwelche Spiele und Bastelaktionen herhalten musste, weil der andere große Tisch bereits komplett mit Material eingenommen worden war.

Auf dem neuen Couchtisch kann zumindest keiner mehr tanzen. Ist nicht mehr ganz so robust, nicht mehr eckig, etwas höher und lädt nicht mehr zu jeder Turnaktion ein. Ich weiß gar nicht, wie wir den alten so lange ertragen konnten.
Er war schon vor unseren Kindern nicht besonders schön gewesen. Wann immer ich ihn später mit einem Deckchen verschönert hatte, wanderte dieses häufig woanders hin, wurde als Kuscheltierdecke verwendet und fand sich knüllig an einem anderen Platz wieder.
Aber – wie gesagt, man konnte auf dem Tisch tanzen, Flecken fielen nicht auf, Macken auch nicht… Möglicherweise werden meine Kinder ihm noch nachtrauern. Wir hoffentlich nicht.

Denn schließlich ist es nun so weit. Nachdem der Wickeltisch schon vor ein paar Jahren endgültig verbannt wurde, gehen nun ca. 10 Jahre Kindergartenzeit zu Ende.
So manche Situation zieht noch einmal in meinen Gedanken als Film vorbei. In Zukunft ist der Freitag nicht mehr der Mitbringtag. Ich muss nicht pünktlich zum Abholen los und unser gemeinsamer Weg, bei dem eine kleine Hand oft in meiner Größeren Halt fand, ist zu Ende.

Wie wird es werden?
Vermutlich werde ich anfangs ein paar Schritte den Schulweg begleiten, damit die Umstellung nicht zu arg wird. Für uns beide…
Meine Kleinste trauert. So, wie wahrscheinlich keins ihrer Geschwister zuvor.
Ich trauere auch mehr, als ich dachte.
Musste die Tage tatsächlich heulen, als ich der liebevollen Erzieherin morgens beim Gehen zuwinkte.

Wann sollen nun die vielen Gespräche beim Laufen über Raupen, Dinosaurier, Zwist mit anderen Kindern, Enttäuschungen, Freude über Aktionen und neues Gebasteltes stattfinden?

Was hatten wir aber auch an Stress auf diesem kleinen Weg zwischen Zuhause und Kindergarten.
Von „Ich will nicht in den Kindergarten“ und vor allem „Ich will nicht nach Hause laufen“, „Komm doch endlich!“, „Lauf jetzt mal, damit du nicht zu spät kommst!“, viel Geschrei und Kraftakten war so ziemlich alles dabei. Eskapaden am Kneipp-Tretbecken, das im Sommer zu einer ausgiebigen Planschpause einlud, der Angst, dass jemand reinpurzeln könnte, der Bach, in den Hunderte an Steinen reingeworfen wurden. Stürze schon am Morgen, wo es mit blutendem Knie weiterging, Unerwartete Regenschauer, ausgelaufene Flaschen. Unzählige Hunde, die wir unterwegs getroffen haben – davon einer, der mal an den Kinderwagen gepinkelt hat.

Aber auch so viele schöne Begegnungen. Zum Beispiel mit Ursula, die wir mit ihren kleinen Hunden trafen und mit der wir jedes Mal einen kleinen Plausch halten konnten. Jetzt muss ich allein die Strecke laufen, um sie dort zu treffen. Oder mal klingeln. Aber das macht man nicht so häufig.

Was hatten wir aber auch an Stress ohne Kindergarten, weil der Kindergarten plötzlich Notdienst hatte oder in der Coronazeit kategorisch die meisten Kinder monatelang ausgeschlossen waren. Nervig auch die vielen Emails und Hinweise, die Listen zum Eintragen für alle Feste und Veranstaltungen.

Aber auch viele besondere Zeiten gemeinsam, in denen wir eingekauft und gekocht oder ausgiebig mit Gästen zusammen gefrühstückt und vor allem unendlich viel gelesen haben.

Jetzt wandert die Tasche mit der Wechselkleidung endgültig nach Hause und wird nicht in der Sommerpause mit größerer Kleidung bestückt.  Kein kleines Mädchen wird mehr morgens oder mittags auf dem Weg die Lieder singen, die es auf dem Herzen hatte.

Aber sie wird sie hoffentlich in ihrem Herzen mitnehmen, ihren Liederschatz erweitern und an anderen Orten so laut singen, wie sie kann.

Vielleicht auch am neuen Couchtisch, hinter dem sie sich hoffentlich nicht mehr verstecken wird, wenn sie dann demnächst pünktlich zur Schule muss.

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Auf ein Neues – Mal wieder ein Verlassen der Komfortzone als Familie. Diesmal durch einen…

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