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Alles bezahlt!

Daniela Irle

14. April 2022

Ich glaube, es war Herbst 2019, als wir uns kennenlernten.
Sie sprach kaum Deutsch und kam mit einem ihrer Söhne zum Übersetzen zu uns. 
Sie war nur wenig älter als ich und hatte fünf Kinder, die bis auf den Jüngsten alle erwachsen waren.

 Ich suchte jemanden, der alle zwei Wochen einmal das Putzen in unserem Haus übernahm.
Es war keine Liebe auf den ersten Blick und manche ihrer Verhaltensweisen befremdeten mich.
Zum Beispiel ihre seltsame Verbeugung bei der Begrüßung.
Trotzdem wollte ich es drauf ankommen lassen und ihr eine Chance geben.
Jedes Mal, wenn sie kam, äußerte sie missbilligend, wie schmutzig der Boden sei.
Jedes Mal erwiderte ich: „Das kann er ruhig sein – Hauptsache es ist sauber, wenn du wieder gehst.“
Wir gewöhnten uns aneinander, hier und da schenkte ich ihr eine Blume –
doch so richtig erreichte ich ihr Herz erst, als ich anfing,
ihr mit der neuen Kaffeemaschine meines Mannes Kaffee zuzubereiten.
Egal, wann ich nach Hause kam und sie da war, gewöhnte ich mir an, ihr als erstes einen Kaffee mit viel Milchschaum und drei Löffeln Zucker zu servieren.

Irgendwann erzählte sie mir, dass sie noch sehr klein war, als sie heiratete.
Ich wusste, dass ihr Mann schon vor ein paar Jahren gestorben war –
sie hatte mehrfach erwähnt, dass sie alleine war.

Oft hatte sie auch geklagt, wie viel Arbeit sie habe und dass sie immer alles alleine machen müsse.
Ich erzählte ihr, dass ich meine Kinder mithelfen lasse und dass ich bewusst nicht ständig putze. Doch das war ein nur unzureichender Rat.

Als es letztes Jahr auf Ostern zuging, kam mir ein Gedanke.
Ich teilte ihn mit meiner Familie und erzählte ein paar Freunden davon.

Eine Woche vor dem Fest schrieb ich ihr eine Nachricht
und bat sie zum abgesprochenen Termin zum Putzen zu kommen.
Es war Gründonnerstag.
Ich backte Hefeschnecken und alle Kinder halfen beim Putzen.
Als sie schließlich kam, war unser Haus mehr oder weniger blitzeblank.
Ich zeigte ihr den Boden und führte sie mit Kuchen und Kaffee in den Garten.
„Heute putzt du nichts. Wir haben alles für dich getan.
Heute bist du eingeladen und darfst dich ausruhen“,
hatte ich ihr gesagt. Ich überreichte ihr einen großen Umschlag mit dem Geld, das sie sonst bekommen hätte, und einem von einer Freundin für mich übersetzten Brief auf Blumenpapier.
Es brauchte etwas, aber irgendwie verstand sie mich,
wischte sich die Tränen aus den Augen und folgte mir.
Wir unterhielten uns so gut es ging, sie zeigte mir Fotos einer kürzlich gefeierten Hochzeit.
„Erinnerst du dich gern an deine Hochzeit?“, fragte ich.
Sie zögerte mit ihrer Antwort und zeigte mir ein abfotografiertes Bild ihrer Hochzeit.
Nun verstand ich, was sie mir einige Zeit zuvor hatte sagen wollen.
Ich sah ein dreizehnjähriges Mädchen neben einem erwachsenen unnahbar aussehenden Mann mit abweisendem Blick.
Als Kind war sie von ihrem Vater geschlagen und zur Hochzeit gezwungen worden –
später hatte das Schlagen ihr Mann übernommen.
Je mehr sie erzählte, desto mehr musste ich weinen.
Die Tränen liefen einfach,
als ich ihren Schmerz und gleichzeitig Gottes Liebe für sie fühlte.
Schließlich öffnete sie den Umschlag und war sehr betroffen, als sie auch das Geld darin vorfand.
Das wollte sie auf keinen Fall annehmen – sie hatte doch gar nicht gearbeitet.
Gott würde sie dafür strafen.
Ich sammelte mich und erklärte ihr, dass genau dies an Ostern geschehen war.
Dass Jesus für alles, für das wir eigentlich zur Rechenschaft gezogen würden, bezahlt hat.

Genauso, wie wir heute all ihre Arbeit für sie getan hatten, hatte Jesus aus Liebe alles für uns getan.
Er machte den Weg frei zu Gottes bedingungsloser Liebe.
Natürlich hinkte auch dieser Vergleich – doch wenn sie es vielleicht auch nicht vollständig verstand, war es doch für mich ein sehr eindrückliches Erlebnis.

Immer wieder musste ich ihr sagen, dass es alles ein Geschenk war, sie auf jeden Fall das Geld mitnehmen sollte und dass Jesus die Liebe Gottes zeigt, die nicht an Bedingungen oder Leistung geknüpft ist.

Als wir uns verabschiedeten, leuchtete ihr Gesicht, wir hatten uns einige Male fest in den Arm genommen und sie hatte mir mehrfach gesagt, wie sehr sie mich liebte.

Und von ganzem Herzen konnte ich ihr sagen, dass ich sie auch liebte.

„Danke“, sagte sie. „Danke!“

 

 

 

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Ursula dagegen war so ruhig im Gespräch auch mit der deutschen Botschaft und dem Regierungspräsidium in Deutschland, dass sämtliche Zuhörer am Telefon staunten. Sie hatte von Gott die für sie nötigen Zusagen und somit Zuversicht erhalten.
Gemeinsam mit ihrer Tochter bestanden sie darauf, dass sie Hilfe nur annehmen würden, wenn auf jede Form der Gewaltanwendung verzichtet werden würde.

 

Bei Gottfried ließ sich der Boss persönlich zu einem Gespräch mit ihm herab. Zunächst marterte er ihn mit Fragen nach Ursula und ob er sie liebe und nicht gerne hier bei sich haben wollte. Doch als der deutsche Gefangene ihm versicherte, dass er sein und das Leben seiner Frau in Gottes Hand wisse, wollte er doch mehr erfahren und selbst eine Geschichte hören.
Ohne groß nachzudenken, sprudelte aus Gottfried die Geschichte aus dem alten Testament von David, seinem Ehebruch mit der Frau Batseba, dem Mord an ihrem Mann und seinen Lügen heraus.
Als er an die Stelle kam, wo David vom Propheten Nathan zur Rede gestellt wurde, zeigte sein Finger auf den Boss persönlich, als er die Anklage zitierte: „Du bist der Mann!“

Alles verstummte entsetzt.  
Doch kein Wutausbruch, keine Gewalt folgten. Sondern weiteres Interesse und Nachfragen.

Schließlich wurde das Lager geräumt und Gottfried wieder auf einen kleinen LKW verladen.
Weiter unten im Tal wurde weiterverhandelt und diskutiert. Erst sollte Ursula ganz allein kommen, was Gottfried zu verhindern suchte.
Schließlich erhielt diese die Erlaubnis im Auto eines Freundes gemeinsam mit diesem zum Treffpunkt zu fahren.
Einmal, zweimal fuhren sie in der Dämmerung die beschriebene Strecke entlang.
Von Gottfried keine Spur.
Als die Übergabezeit längst verstrichen und es stockdunkel geworden war, stellten die Verbrecher ein Ultimatum und erlaubten dem Entführten schließlich sich mit einem Zweig und einem Stück Karton allein an die Straße zu stellen. Der hatte immer wieder gebetet: Herr, stärke meine Nerven und meinen Glauben.“
Ein Auto nach dem anderen rauschte vorbei, bis zuletzt ein Wagen hielt.
Das abgesprochene Kennzeichen fehlte, doch Gottfried konnte die Stimmen zuordnen.
Endlich konnte er seine Ursula tränenüberströmt in die Arme schließen.

Gottes Zusage war eingetroffen: „Der Gefangene wird eilends losgegeben, dass er nicht sterbe und begraben werde“*.

Ich muss gestehen, dass ich eine solche Form von Krimi doch ganz spannend finde.
Natürlich auch, weil es gut ausgegangen ist, aber vor allem, weil Gottes Liebesspur überall zu finden ist.
So sind nun meine geblümten Tassen mit noch weiteren Erinnerungen behaftet und rufen mir die Treue und Verlässlichkeit Gottes umso mehr ins Gedächtnis.

 

*(https://www.bibleserver.com/LUT/Jesaja51LUTH., gefunden am 23.10.2023, 17:05h)

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