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Nicht aufgeben

Daniela Irle

25. Januar 2022

Brombeeren. Hartnäckig pflückte sie. Ging zum Graben an dem nahen Feldweg und pflückte für uns alle. Sie konnte ein wunderbares Gericht aus Brombeeren und Teig erschaffen.
Die Beeren wurden in eine Teigtasche gefüllt und frittiert.
Das Essen gab es dann nicht nur für drei Leute.

 Oft für Zehn. Ich weiß nicht, wie viele Stunden sie dafür gepflückt hat.
Sie zählte nicht die Zeit dafür. Hauptsache, es schmeckte allen.
Ihre Arme waren oft zerkratzt nach diesem Einsatz und ihre Finger blaubraun gefärbt.
Durchhalten, weitermachen, lachen, geben.
Das sind Worte, die gut zu ihr passen.
Ich weiß lange nicht von allem, was sie erlebt hat.
Doch das, wovon ich weiß, erfüllt mich mit tiefem Respekt und auch Bewunderung.
Sie wurde am 1. September 1926 in einem russischen Dorf als Deutsche geboren.
Sie erlebte Ausgrenzung, die Ermordung ihres Vaters, den Tod ihres Verlobten,
den Verlust ihres Schwagers und Neffen und schließlich ihrer Heimat.
Sie erlebte den zweiten Weltkrieg mit Verschleppung, Ausbeutung durch andere Menschen, Einsamkeit und Ratlosigkeit.
Manchmal erzählte sie davon. Doch selten sprach sie vom Schrecklichen.
Immer gab es einen Weg, der sich im Elend auftat. Und immer gab es etwas Lustiges, worüber sie später lachen konnte.
Als es in den Siebziger Jahren die Hoffnung gab, nach Deutschland einzureisen, war sie es,
die sich immer wieder neu auf den Weg machte.
Zu Fuß und mit dem Bus allein ging und fuhr sie wieder und wieder die vielen Stunden in die nächstliegende Stadt,
um zu hoffen, dass sie mit genehmigten Ausreisepapieren zurückkehren würde. Bis sie eines Tages nach vielen Rückschlägen mit dem Papier in der Hand winkend wieder bei der Familie eintraf.
Sicher war sie mit einem starken Willen und einem starken Herzen gesegnet, wie meine Mutter an ihrem Sterbebett sagte. Sonst hätte sie so manches Ereignis nicht überlebt.
Zum Beispiel den Versuch mit über achtzig Jahren auf der Leiter stehend die Dachrinne zu säubern.
Doch zusätzlich war sie eine Frau des Wortes und des Gebets.
Bis zuletzt lag ihre große schwarz eingebundene Bibel auf dem Tisch und gab ihr Halt und Kraft.
Vor einem Jahr im Januar war ihr Lebens- und Überlebenskampf zu Ende. Doch gerade heute denke ich daran,
dass sie nie aufgegeben hatte. Dass sie immer wieder Hoffnung sah und immer wieder aufstand.
Damit ist sie ein Vorbild für mich. Meine Großtante Lena.

 

 

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