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Russisch lernen

Daniela Irle

21. Mai 2022

Wir sitzen im Halbschatten des kleinen Zoos auf einer Bank.
Beobachten unsere Kinder, wie sie klettern, etwas naschen oder rutschen. Drei Frauen.
Drei Mütter. Drei „Ausländerinnen“. Die beiden anderen sprechen fließend Russisch.
Ich bin die einzige, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.
Zwischen den beiden anderen bin eher ich die Ausländerin.

Doch auch sie sind in einer besonderen Situation.

Tanja, eigentlich Tatyana, stammt aus Weißrussland und hat vor einigen Jahren einen Deutschen geheiratet.
Kennengelernt haben wir uns, als sie hochschwanger mit dem zweiten Kind ihre erste Tochter aus dem Kindergarten abholte.
Ich war gerade erst ins Dorf gezogen.
Wir fanden schnell unsere Gemeinsamkeiten und ich kam in den Genuss von Tanjas großem Herz
und ihrer unglaublichen Hilfsbereitschaft.
Im November lud sie mich mit meinen damals drei Kindern zum Kekse backen ein.
Ihr Bauch war noch einmal merklich gewachsen, sie war auch etwas kurzatmig – doch der Entbindungstermin lag noch Wochen weg. Als ich meine Jungen mittags im Kindergarten abholen kam, erfuhr ich von der kleinen Lisa, dass in der Nacht ein neues Menschenkind, ihre kleine Schwester Jana, geboren worden war. Ich war fassungslos und konnte es fast nicht glauben:
Ein kleines Wunder über Nacht.
Noch Jahre später machte Tanja Witze über unser Kekse-backen, das ein Kind ans Licht befördert hatte. Dieses Menschlein, das inzwischen die engste Freundin meiner jüngsten Tochter geworden ist.

Die andere hübsche Frau hat blondes Haar und heißt auch Tatyana.
Ihr freundliches Auftreten war mir sofort aufgefallen und ich fühlte mich sehr zu ihr hingezogen. Lange ist es noch nicht her.
Es war ein stürmischer, ungemütlicher Nachmittag im April,
als die Klasse meines Sohnes einen Flohmarkt für die Ukraine veranstaltete.
Ich war übermüdet und trug den von Freunden geerbten langen hellen Ledermantel aus den 70er Jahren, den ich zuvor noch nie irgendwo richtig getragen hatte.
Wir verständigten uns auf Englisch und ich erfuhr, dass sie die Mutter des neuen Jungen aus der Ukraine war. Mit ihrer pinken Regenjacke und ihrem bezaubernden Lächeln sah sie entspannt fröhlich aus – nie hätte ich in ihr
eine vor kurzem geflüchtete Frau vermutet.
In einer Russisch-Vertretungsstunde hatte ich in der Mittelstufe zwei/drei Sätze auf Russisch gelernt.
Damit wartete ich zu ihrer Überraschung auf. „Minja sawut Daniela“. Ich heiße Daniela. „Boch liubet detjej“. Gott liebt die Kinder, wobei ich letzteres erst später gelernt hatte.

Nun, gemeinsam im Zoo, bin ich zwischen beiden und mit beiden.
Ein harmonisches Dreiergespann aus einer Weißrussin, einer Ukrainerin und einer Deutschen.
Lange hatte ich mich nur als Deutsch gegeben.
So gut wie niemand hatte vermutet, dass ich vielleicht nicht ganz Deutsch sein könnte.
Das wäre auch eine Lüge, war ich doch als Deutsche in Deutschland geboren und aufgewachsen.
Doch mit den Jahren spürte ich, dass ich mehr kulturelles Erbe von meinen Eltern, Großeltern und Anverwandten mitbekommen hatte, als mir bewusst war.
Und vermutlich nicht nur das.
So manche Seltsamkeit, so manche Angst
ist wohl auch den Erfahrungen meiner Vorfahren geschuldet.

Nun saß ich da und lernte Russisch.
Tanja in ihrer initiativen und kreativen Art hatte sofort auf den neuen Umstand reagiert.
Sie übersetzte in beide Richtungen und manchmal auf der dritten Ebene. Deutsch- Russisch, Russisch-Deutsch,
Englisch-Russisch, Englisch-Deutsch.
Schließlich verschwand sie im Zoo-Shop und kehrte mit Notizbüchern zurück.
Das aktive Vokabel-lernen konnte beginnen.
Immer wieder musste sie für mich einzelne Wörter wiederholen – zu viel Neues.

Über meine Aussprache staunen die beiden auf der Bank im Zoo inzwischen nicht mehr.
Hatte ich ihnen doch erzählt, wie viel Russisch ich als Kind gehört hatte.
Gehört und abgelehnt.
Russisch war die Sprache des Geheimnisses – wenn wir Kinder außen vor bleiben sollten.
Russisch war aber auch die Sprache des Vertrauten und doch Abgelehnten.
Russisch hatte für mich zu tun mit dicken Goldketten und Goldzähnen, Pelzmützen, Kopftüchern
und beim Beten heulenden Menschen.
Russisch stand in Zusammenhang mit Schlägereien in der Stadt, mit großen Hochzeiten, Wodka,
sehr viel Elend und sehr viel Leid.
Aber auch mit sehr viel Sehnsucht, Wassermelonen, eingelegten Tomaten, Rollkuchen, unglaublichem Improvisationstalent, Nostalgie und vielen Erinnerungen.
Insbesondere meine Großtante Lena erzählte von der Kuh, die gemolken werden musste, von dem großen Butterfass, dem Brunnen vor dem Haus und von den Menschen, bei denen sie gewohnt hatten, als sie vertrieben worden waren.
Meine Eltern waren als Deutsche in unterschiedlichen Dörfern in der Weite der damaligen Sowjetunion und Kasachstan geboren worden und als Teenager schließlich nach Deutschland ausgereist.
Meine Großeltern waren in deutschen Kolonien aufgewachsen und schließlich von dort vertrieben worden. Saporoschje, so erfuhr ich kürzlich, heißt das Gebiet, das sie geliebt hatten und verlassen mussten.
Saporoschje – eine Gegend der heutigen Ukraine.
Fühle ich mich den Ukrainern daher besonders nah?
Was ich ganz sicher wahrnehme, ist, dass Russisch mit diesen Frauen zu lernen mich verändert.
Es bringt Erinnerungen hoch, die ich nahezu vergessen hatte.
Vielleicht hilft es mir sogar, mehr ich selbst zu sein.
Vielleicht ist es Gottes Weg, mich mit meinen Wurzeln endgültig zu versöhnen.
Vielleicht ist es auch ein Türöffner für…
Wer weiß.

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